Florian Leus Reportage zum ersten Lomilomi - Basiskurs 2019

31. Januar 2019

"Dass mich während eines Kurses in hawaiischer Massage jemand mit einem Schneeball treffen würde, hätte ich nicht erwartet. Dass ich barfuss durch eine Winterlandschaft rennen und Freudenschreie ausstossen würde: Auch davon bin ich nicht unbedingt ausgegangen, als ich nach Meilen zum Anfängerkurs kam. Die Heizungen im Aloha Spirit waren aufgedreht. Der Geruch von Kokosfett lag in der Luft. Weiche Gesänge kamen aus den Lautsprechern. An den Wänden hingen Plakate von magmaverzierten Vulkanen. Nicht die schlechtesten Bedingungen, um zu vergessen, wie weit weg Honolulu liegt: 12262 Kilometer. Vier Tage verbrachten wir auf diesen paar Quadratmetern Südsee an der Pfannenstielstrasse 112. Doch einmal, ganz am Ende, brachen wir auch aus.

Wann hast du zuletzt gesungen? Zuletzt getanzt? Zuletzt eine Geschichte erzählt? Und wann hast du zum letzten Mal die Stille genossen? Hätte mir nach dem Kurs jemand diese Fragen gestellt, hätte ich gesagt: Heute, gestern, vorgestern und vorvorgestern, und ich wäre stolz gewesen. Die Anthropologin Angeles Arrien fasst in diesen Fragen zusammen, worin sich Schamanen in aller Welt einig sind, egal ob auf einer Insel im Pazifik, im Kongobecken, in der sibirischen Tundra. Gesang, Tanz, Geschichten und Stille: ein Konzept wie eine alte, wetterfeste Landkarte, die den Kontinent der Gesundheit erschliesst. Ich musste während der Tage in Meilen oft daran denken. Wir hatten uns zwar für einen Massagekurs angemeldet, unter der Hand bekamen wir aber eine unaufdringlich vermittelte Lebensschule.

Wir lernten Gesänge, in denen Worte vorkamen wie ola, was sowohl Gesundheit bedeutet als auch Leben. Wir lernten erste Tanzschritte im Hula, machten uns mit einem etwas vernachlässigten Bekannten wieder vertraut: unserem eigenen Hüftschwung. Wir bekamen den Redestab in die Hände gedrückt und konnten einfach erzählen: Bei ein paar Teilnehmern beschlich mich der Eindruck, dass solch eine Gelegenheit schon lange zurücklag. Und wir sassen jeden Tag eine Weile mit geschlossenen Augen in der Stille, schafften etwas Raum in uns – eine nützliche Vorbereitung, um anderen mit einer Massage ebenfalls etwas mehr Raum in sich selbst zu verschaffen.

Ich erfuhr wenig über die anderen Leute im Kurs, dennoch lernte ich sie besser kennen als viele Verwandte. Ich massierte einen Mann, der zwar täuschend echt Zürichdeutsch sprach, aber aussah als wäre er gerade mit seinem Pferd über die Prärie geritten, Federschmuck auf dem Kopf: ein Indianer aus Bäretswil. Ich massierte eine Frau aus Japan, deren Körper weich und schwer und doch sehr elastisch war: Plötzlich hatte ich den Eindruck, die Venus von Willendorf unter den Händen zu haben. Und ich massierte einen Heizungsmonteur voller Tätowierungen, die er sich in Hawaii stechen liess, und als er für den zweiten Teil der Behandlung auf dem Rücken lag, sah ich mit überraschender Klarheit, wie der Puls durch seinen Körper wanderte, wie sein Sonnengeflecht bebte: die Oberfläche eines Gewässers, in das ein Kind ständig Kieselsteine spickt. Ich strich ihm die Stirn glatt, als würde ich einen Krieger vorbereiten aufs Gefecht.

Ein Massagekurs hat den einigermassen erwartbaren Vorteil, dass man dauernd massiert wird, manchmal nicht nur von zwei, sondern von vier Händen: ein königliches Gefühl. Als ich noch als Journalist arbeitete, war oft vom Kino im Kopf die Rede: Eine Reportage soll die Leserin so nahe an die Wirklichkeit führen, dass sie sie mit allen Sinnen erlebt. Als ich auf dem Massagetisch lag, erfuhr ich diesen Effekt ebenfalls, stärker noch als bei der Lektüre einer Geschichte. Ich war wach, aber ich träumte auch. Mal lag ich im warmen Meer und wurde von gleichmässigen Wellen geschaukelt. Mal trieb ich durch einen schwarzen, samtigen Raum voller Sterne, wurde gewissermassen zum Kosmonauten meines erweiterten Innenraums. Was ich an Lomilomi am meisten schätzte, merkte ich jedoch erst, als ich einmal am Bahnhof Meilen auf die S-Bahn zurück nach Zürich wartete. Ich ging auf und ab und dachte fast nichts. Da merkte ich, dass ich ein wenig anders ging, dass ich meinen Kopf ein wenig anders hielt, und obwohl ich nur irgendein Typ mit einer Tüte Marroni in den Händen war, fühlte ich mich doch wieder recht royal.

Bleibt die Sache mit dem Schneeball. Am letzten Kurstag trafen wir uns schon kurz nach sieben und wanderten schweigsam in den Wald. Alle suchten wir uns einen Baum aus. Ich entschied mich für eine mächtige Buche, deren Rinde ich eine halbe Stunde lang betrachtete und abtastete, Kondenswolken vor dem Mund, knirschender Schnee unter den Wanderschuhen, 12262 Kilometer von Honolulu entfernt. Dann versammelten wir uns und weil ich ahnte, was kommen würde, pappte ich schon mal ein paar Schneebälle auf Vorrat zusammen. Ich erinnerte mich zum ersten Mal seit langem, wie strategisch ich als Kind meine Schneeballschlachten ausgetragen hatte, und ich schätzte es, dass mir diese soft skills offenbar noch nicht abhanden gekommen sind. Ich glaube, dort oben zwischen den eingeschneiten Bäumen haben wir das Wichtigste über die Massage gelernt: andere dabei zu unterstützen, dieses alte, verloren geglaubte Gefühl wieder zu empfinden. Spielerisch und unbekümmert, echt und leicht zu sein wie ein Kind.“

 
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