Hawaii - Geschichte
Kumulipo
"Quelle in tiefer Dunkelheit", die hawaiische Entstehungsgeschichte (Auszug)
Die hawaiische Identität geht auf das Kumulipo zurück, auf die grossartige kosmologische Ahnenfolge, wie sie in diesem über jahrhunderte mündlich übertragenen Werk festgehalten worden ist. Seit 1897 liegt dieses Werk auch in schriftlicher Form vor. Nach dieser Auffassung ist jedes Lebewesen der Welt von der Entstehung an mit den anderen verbunden. Alle Teile der hawaiischen Welt bilden Teil eines eng unter einander verwobenen Ganzen.
Alten hawaiischen Mythologien zufolge, wurde die Welt von der weiblichen Nacht, Pō genannt, geboren. Ihr Sohn Kumulipo , was " Quelle der Dunkelheit" bedeutet, hat sich mit seiner Schwester Pō'ele, der tiefen schwarzen Nacht, vereinigt. Aus dieser Verbindung wurden alle Lebewesen hervor gebracht. Aus den Polypen im Schleim des Ozeanbodens entstanden Fische, Landtiere und Vögel. Alle Erscheinungsformen der Erde wurden einer der 40'000 hawaiischen Akua (Götter) zugeordnet, und aus diesen Akua wurden die hawaiischen Menschen geboren. Das hawaiische Volk ist - ihrer Denkart nach - aus der Liebesbeziehung zwischen der Erden-Mutter. Papahanaumokumu, mit ihrem Bruder Wakea, dem Himmel-Vater, hervor gegangen. Beide haben auch die hawaiischen Inseln zur Welt gebracht, die in Hawaii so wichtige Taro-Pflanze und Hāloa, den ersten Menschen.
Die westliche Entstehungsgeschichte
Hawai’i entstand inmitten des Pazifischen Ozeans. Die Hauptinseln liegen rund 3’300 Kilometer vom nächsten Kontinent entfernt. Hawai’i verdankt seine Entstehung einem „hot spot“ aus dem Meeresboden, welcher Lava ausströmte. Der anwachsende Berg stiess an und über die Wasseroberfläche und eine Insel, die weiterhin Lava an die Oberfläche beförderte. Die so entstandene Insel schob sich nach Norden und vom vulkanisch aktiven Gebiet weg und gab Platz für die Entstehung der nächste Insel aus dem „hot spot“. Dieser Schöpfungsvorgang setzte sich bis zur Entstehung aller hawaiischen Inseln fort; auf Big Island mit seinen noch immer aktiven Vulkanen wird der Entstehungsprozess noch heute erlebbar. So sind wir Augenzeugen, wie eine neue hawaiische Insel entsteht, nämlich „Lō΄ihi“, „das Ungeborene“, welche Insel bereits 4000 Meter über den Grund des Ozeans emporsteigt und das Meer aufwühlt. Sie wurde vor mehr als zwanzig Jahren entdeckt und wird rund dreissig Kilometer vor Big Islands Südostküste zu liegen kommen.
Die erhöhte Luftfeuchtigkeit schlug als Regen auf die schwarzen Lavabergen nieder und modellierte sie zu Gebirgsketten. Erste Lebensformen entstanden: in Luftströmungen gefangene Insekten, an die Strände gespülte Samen, vom Kurs abgekommene Zugvögel. Und die unterseeischen Klippen wurden nach und nach von Korallenriffen besiedelt. Allmählich bedeckte grüne Vegetation die Inseln und zahlreiche Lebensformen wurden auf der fruchtbaren Erde heimisch. Insekten, Vögel und zahllose Pflanzenarten passten sich an die besonderen Umweltbedingungen an und es entwickelten sich Arten, die teils an keinen anderen Orten der Erde anzutreffen sind.
Über die Herkunft der hawaiischen Ureinwohner und den Zeitpunkt der Besiedelung gehen die wissenschaftlichen Auffassungen auseinander. Jedenfalls bilden sie Teil des polynesischen Volkes und waren deshalb mit dem Leben auf und am Ozean sehr vertraut. Ihr Einfluss reichte von Neuseeland bis zu den Marquesas, Tahiti, den Osterinseln, Tonga und Samoa; man spricht auch vom „polynesischen Dreieck“. Zwischen dem 4. und 6. nachchristlichen Jahrhundert strandeten die ersten Siedlerinnen und Siedler auf Hawai’i, von den südpazifischen Marquesas her gelangend. Die fruchtbaren Inseln boten ihnen geeignete Siedlungsmöglichkeiten, und so fristeten die polynesischen ein bescheidenes Leben an Küstengebieten. Um das Jahr 1000 ist eine weitere polynesische Einwanderungswelle festzustellen. Diese Einwanderer stammten wahrscheinlich aus Tahiti. Sie waren gut ausgerüstet und führten essbare Pflanzen, Ferkel, Hühner, Hunde und andere zum Überleben notwendige Nahrungsmittel und Werkzeuge mit sich. Hierzu benutzten sie grosse Auslegerkanus, die bis zu sechzig Personen und deren Vorräte Platz boten. In den nächsten rund zweihundert Jahren fand ein reger Schiffsverkehr zwischen Hawai’i und Tahiti statt. Eine starke Beeinflussung der hawaiischen Kultur durch die tahitische war die Folge.
Um das Jahr 1200 gelangte der aus Samoa stammende Priester Pa’ao nach Hawai’i und beendete das friedliche Zeitalter. Pa’ao schuf den Grundstein für ein aristokratisches Gesellschaftssystem, setzte zur Durchsetzung seiner Ziele auch kriegerische Mittel ein, soll (was nicht bezeugt ist) Menschenopfer verlangt haben und zeichnete für die auch nach seinem Tod fest zu stellende Abschottung Hawai’is vor anderen Kulturen verantwortlich. Das Gesellschaftssystem war fortan rigide, gekennzeichnet von einem teils auf die Spitze getriebenen System von Geboten, Verboten und Tabus, und die Kultur war die eines besonderen Naturvolkes – erdverbunden und stark spirituell geprägt.
Mit Ausnahme einzelner Kontakte mit verirrten europäischen Seefahrern blieb Hawai’i von auswärtigen Einflüssen unberührt. Die eigentliche Wende nahm am 18. Januar 1778 mit der Entdeckung Hawai’is durch den englischen Seefahrer, Abenteurer und Kapitän James Cook ihren Anfang. Infolge einer verblüffenden Übereinstimmung mit hawaiischen Mythen wurde Cook anfänglich für den Gott Lono gehalten und verehrt. Erst die Verletzlichkeit seiner Schiffe durch Sturm schürte das Misstrauen gegen ihn, das durch zunehmen heftigeren Auseinandersetzungen seiner Mannschaft mit den Hawaiern verstärkt wurde. Getötet wurde er ein Jahr darauf, 1779, doch bereits dreissig Jahre später, 1820, gelangten die ersten Missionare calvinistischer Glaubensrichtung aus Amerika nach Hawai’i. Neben wichtigen Anstrengungen zur Erhaltung des Kulturgutes, etwa durch Einführung einer geschriebenen Sprache, standen sie der Kultur als ganzes ablehnend gegenüber. Hula-Tänze, Chanting, Musizieren und Nacktheit wurden untersagt. Hauptsächlich Zuckerrohr wurde angepflanzt und schon bald zum wichtigsten Exportgut. Zu seiner Gewinnung mussten auch Arbeiter aus Staaten wie Japan, Philippinen und China eingeführt werden, was zu einem bunten Volksgemisch führte.
Im Jahre 1875 wurde die Bucht von Pearl Harbour auf Oahu für die wichtigste amerikanischen Militärbasis ausserhalb der USA zur Verfügung gestellt, und als Folge des wachsenden wirtschaftlichen und militärischen Einflusses der USA wurde 1893 die letzte hawaiische Königin, Liliuokalani, entmachtet. Ein Gremium, ausschliesslich aus amerikanischen Geschäftsleuten bestehend, übernahm die Regierung. Die Republik Hawai’i wurde ausgerufen, und Sanford B. Dole wurde zu ihrem ersten Präsidenten. Hawai’i wurde 1898 offiziell annektiert und Dole erster Gouverneur. Am 21. August 1959 wurde Hawaii als 50. Bundesstaat der USA ausgerufen.
Erst 1970 begann eine eigentliche Rückbesinnung auf die hawaiische Kultur: Hula-Tänze wurden gelehrt und aufgeführt, hawai’isches Kunstgewerbe fand zunehmend Verbreitung, Wettkämpfe mit Auslegerkanus wurden veranstaltet und der hawaiischen Sprache wurde zunehmend Raum und Respekt entgegen gebracht.
Mag uns die traditionelle hawaiische Spiritualität auch fremd vorkommen: ihr Kern ist mit dem bei anderen Religionen vergleichbar: den Kontakt mit dem Göttlichen herzustellen und aufrecht zu erhalten. Die Spiritualität und Lebensweisheit der alten Hawaiier ist verwurzelt in der polynesischen Kultur und geprägt von Ehrfurcht vor dem Land, von ökologischen Fischfang- und Anbaumethoden, nachhaltigem Umgang mit Wasserressourcen, von der Stärke der Grossfamilien, der Toleranz religiöser Vielfalt und dem Konzept einer spirituellen alles durchdringenden Kraft.
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